Werner Hansch - Reporter oder Dichter?

 

 


Macht Köpfen dumm?


Lienen, Neururer, Trapattoni – ihnen allen wurde schon, das wissen treue Hörer der samstäglichen Bundesliga-Konferenz im Radio, haufenweise Gretchenfragen gestellt. Schließlich müssen Trainer sich an jedem Spieltag neu festlegen – und die Gretchenfrage lautet in diesen Fällen nicht etwa originalgetreu „Nun sag’, Ewald: Wie hast du’s mit der Religion?”, sondern meistens geht es um wesentlich Profaneres: Wer spielt? Wer stürmt? Wer sitzt aus disziplinarischen Gründen auf der Bank oder gar auf der Tribüne?

Dass Sportreporter solche Entscheidungen schnell und manchmal wohl auch unüberlegt zu Gretchenfragen machen und damit auf den Dichterfürsten Goethe zurückgreifen, hat den Göttinger Germanisten Frank Möbus dazu bewogen, „eine rhapsodische Besichtigung des Luftraums der Niederungen” vorzunehmen, „in dem viele Faust-Verse sich mittlerweile als Geflügelte Worte zu Schwärmen versammelt haben” . Goethes Faust sei, sagt Möbus, „ohne jeden Zweifel der meistzitierte Text deutscher Zunge” (mit Ausnahme der Bibel und des Kommunistischen Manifests), und das rechtfertigt auch aus wissenschaftlicher Sicht die Beschäftigung mit echten und abgewandelten Faust-Zitaten zum Beispiel in der Sprache der Fußball-Reporter und der Kicker. Möbus horcht auf, wenn über Jens Lehmann gedichtet wird: „Da steht er nun, vor seinem Tor, und ist so klug als wie zuvor”. Und er entdeckte, dass Addi Preißler, legendärer Spielführer der Dortmunder Borussen in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eine verblüffende Nähe zu faustischem Gedankengut an den Tag legte. Ließ Goethe seinen Mephistopheles in der Schüler-Szene noch dozieren: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie/ und grün des Lebens goldner Baum”, formte der fußballerisch zweifellos begabte Addi Preißler daraus kurz und bündig: „Grau is alle Theorie/ maßgebend is auffen Platz.”
Frank Möbus leitete aus solchen germanistischen Eskapaden die Meyerink-Hypothese ab, benannt nach dem Autor Gustav Meyerink, der schon in einem 1916 veröffentlichten Roman falsche Faust-Zitate vorkommen ließ. Diese Meyerink-Hypothese lautet: „Ob man Goethes Faust falsch oder richtig zitiert, spielt keine Rolle.” Und damit nicht genug: Je falscher das Zitat, desto größer die Wirkung, sagt Frank Möbus – dieser Effekt lässt sich jedenfalls oft genug beobachten und belegen. (...) Mehrere tausend echte oder vermeintliche Faust-Zitate aus Büchern und Zeitungen, aus Anzeigen und Radiosendungen hat er gesammelt und 500 davon systematisch klassifiziert. Vor allem in der Werbesprache wurde er fündig: Zu seinen „okkasionalpoetischen” Highlights gehören Anzeigen und Kampagnen der Mineralwasser-Firma Appolinaris („Nachbarin, Euer Fläschchen”), Terminplaner („Benutzt die Zeit, sie geht so schnell von hinnen/ doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen”), die Zeitschrift Bild der Wissenschaft („Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält”), das Hundefutter Chappi („Mein Waldi hat des Pudels Kern entdeckt”), die LBS („Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein”), BMW („Kein Name wie Schall und Rauch”) oder ein Tübinger Buchverlag („Was du gehört von Deinen Lehrern/ erwirb es, um es zu besitzen”). Posthum, so das Fazit des Germanisten, erreiche Goethe damit eine beachtliche berufliche Position als Werbetexter – und nicht nur das.
„Höchstlich verwundert wäre der Dichterfürst wohl auch darüber gewesen, dass ausgerechnet Sport-Reporter heute eine ausgesprochene Vorliebe für faustisches Gedankengut beweisen”, sagt Frank Möbus. Zu seinen Lieblings-Fundstellen gehört die Bemerkung der Süddeutschen Zeitung über eine Formkrise des in den 90er Jahren bei Borussia Dortmund aktiven, teuflisch harten Manndeckers Jürgen Kohler: „Einmal Gezeigtes ist nur allzu schnell vergessen, kann gleichsam nur Schall und Rauch sein.” Die Dichterkrone, sagt Möbus, komme aber unangefochten dem Fernsehreporter Werner Hansch zu. Als Dortmunds Torhüter Steffen Kloß am 3. Dezember 1993 durch eine Glanzleistung das 1:1 gegen den Erzrivalen Schalke 04 sicherte, „begab sich der Reporter auf den Olymp”, schwärmt Möbus noch heute: Werner Hansch habe die Formel von Fausts Erlösung in den Bergschluchten „ruhrpöttelnd variiert”, indem er ins Mikrofon schnarrte: „Wer immer fliegend sich bemüht, der bleibt am Schluss auch unbesiegt!”

(aus: Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung. Freiburg, 2006)


zurück


Buch bestellen