Kann das Trikot ein Spiel
entscheiden?

Als im
Mai 2005 feststand, dass der 1. FC Köln wieder in die erste Bundesliga
zurückkehren würde, jubelte die Domstadt. Und am lautesten jubelte die
lokale Boulevardzeitung Express
– nicht ohne gleich eine verblüffende Erklärung für den sportlichen
Erfolg mitzuliefern. Demnach sind es nicht die fußballerischen
Fähigkeiten Lukas Podolskis und seiner Mannschaftskollegen, die
für den Aufstieg verantwortlich waren, sondern die Trikots der
Geißböcke: „Rot gekleidete Spieler siegen einer britischen Studie
zufolge häufiger als andere.”
Tatsächlich haben die Anthropologen Russell Hill und Robert Barton von
der Universität im englischen Durham festgestellt, dass rote
Sportkleidung ihrem Träger in mehreren Disziplinen offenbar
signifikante Vorteile im Rahmen einer sportlichen Auseinandersetzung
verschafft . „Rotfärbung ist bei vielen Tieren ein sexuell begründetes,
Testosteron-abhängiges Signal männlicher Qualität”, schreiben die
Forscher. Und was im Tierreich so gut funktioniert, gilt nach ihren
Beobachtungen auch in der Sportarena: Wer Rot trägt, gewinnt häufiger.
Deshalb müsse „die Farbe der Sportkleidung durchaus berücksichtigt
werden, um im Sport Chancengleichheit zu gewährleisten”.
Die britischen Wissenschaftler hatten bei den olympischen Spielen 2004
in vier Wettkampf-Sportarten – Boxen, Tea Kwon Do, Ringen im
griechisch-römischen Stil und Freistil-Ringen – den Teilnehmern durch
Zufall rote und blaue Sportkleidung und Protektoren zugelost. Ihre
Überlegung: Wenn die Farbe keinen Einfluss auf den Wettkampf-Verlauf
hat, müsste sich die Zahl der roten und blauen Gewinner in etwa die
Waage halten. Das Ergebnis war jedoch eindeutig: Rot-Träger gewannen
die meisten der Kämpfe – egal, in welcher Sportart oder Gewichtsklasse.
Trotzdem warnen Robert Barton und Russell Hill aber vor der
Schlussfolgerung, ein in rot gekleidetes Kreisklasse-Team könnte dank
der Trikot-Farbe jeden Bundesligisten vom Platz fegen: „Der Rot-Vorteil
beeinflusst das Ergebnis nur dann, wenn es sich um etwa gleichstarke
Gegner handelt”, heißt es in der Studie. Mit anderen Worten: Die Farbe
der Leibchen macht sich vor allem dann bemerkbar, wenn Wettkämpfe auf
der Kippe stehen.
Ihre neuen Erkenntnisse überprüften die beiden Anthropologen auch
anhand der Fußball-Europameisterschaft im Sommer 2004 in Portugal. Im
Fokus standen dabei fünf Mannschaften, die Trikots mit der Grundfarbe
rot trugen, und die gegen Mannschaften in weiß und blau antraten. Und
auch hier zeigte sich: Die roten Teams gewannen öfter und schossen im
Schnitt auch mehr Tore pro Spiel. „Wenn man annimmt, dass Aggressivität
in der gesamten Menschheitsgeschichte und in allen Gesellschaften eine
allgegenwärtige Rolle spielt, legen unsere Ergebnisse nahe, dass die
Evolutionspsychologie der Farben und ihrer heutigen Rolle noch
gründlich erforscht werden müsste”, schreiben Barton und Hill.
Oder, für den Fußballfan: „Das könnte für die Regel bei sportlichen
Wettkämpfen ziemlich wichtig sein.” Aus deutscher Sicht wäre damit
zumindest ein Erklärungsansatz geliefert, warum der Rekordmeister
hierzulande Bayern München heißt – und nicht etwa Werder Bremen oder
Borussia Mönchengladbach.
(aus: Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung. Freiburg,
2006)
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